Cell (Roman)

Cell von Stephen King

Verlag: Hodder
Erscheinungsjahr: 2006
Umfang: 475 Seiten

Nicht Stephen Kings erster Ausflug ins Zombiegenre (wir erinnern uns an Pet Semetary), und eigentlich geht es in dem Buch auch nicht um Zombies in der engen modernen Definition, wie wir sie von George A. Romero-Filmen oder der Zombie Research Society kennen („tot“, „reanimiert“, „geistlos“, „ohne eigenen Willen“ etc.) . Das gleiche trifft aber auch für  Zombies in Filmen wie 28 Days Later zu, die ebenfalls nicht in diese enge Auslegung passen. Was ihrer Einordnung in das Zombie-Genre aber überhaupt nicht schadet.

Die Zombies in Stephen Kings „Cell“ sind nicht untot, sondern es handelt sich um durchaus lebende Personen, die allerdings ihrer Persönlichkeit und ihres Willens so weit beraubt sind, daß sie wie Zombies agieren und ihren eigenen Körper und ihre Bedürfnisse völlig vernachlässigen. Insofern passen sie eigentlich perfekt zum „klassischen“ Ursprung des Zombies, den willenlosen Opfern des Voodoo, wie man sie z.B. aus Haiti kennt. Auch hier handelt es sich nicht um tote, reanimierte Körper, sondern um Lebende, die ihres Willens und ihrer Persönlichkeit beraubt wurden. Deswegen ist Cell für mich nichtsdestotrotz ein Zombie-Roman, wenn auch mit lebenden Zombies, frei von Untoten, und ich finde, er paßt deswegen auch problemlos in diesen Blog.

Inhalt

Clayton Riddell, ein Comic-Zeichner aus Maine mit Ehe- und Geldproblemen, hält sich gerade in Boston auf, wo er soeben den Vertrag für seinen ersten großen Comic unterzeichnet hat. Als er durch die Stadt läuft, wo er seiner getrennt lebenden Frau ein Geschenk gekauft hat, ereignen sich in seiner Gegenwart merkwürdige Dinge: die Mobiltelefone der umstehenden Passanten (Mädchen an einem Eiswagen, Spaziergänger mit Hund…) klingeln… und alle, die diesen Anruf entgegennehmen, verwandeln sich innerhalb weniger Augenblicke zu scheinbar Wahnsinnigen und beginnen, sich gegenseitig anzufallen. Der Verkehr bricht augenblicklich zusammen, Fahrzeuge rasen ineinander, Leute drehen durch. Nur Clayton, der aus Überzeugung kein Handy besitzt, und ein anderer Passant namens Tom, dessen Handy am Morgen von seiner Katze zerstört wurde, bleiben verschont. Sie schließen sich zusammen und ergreifen die Flucht.

Cell erbringt den Beweis: von Handys geht eine große Gefahr aus!

Auf ihrer Flucht treffen sie auf ein junges Mädchen namens Alice, dessen Mutter dem Ereignis (das allgemein „The Pulse“ genannt wird) zum Opfer fiel. Clay ist von dem Wunsch getrieben, seinen Sohn in Maine zu suchen und in Ermangelung von Alternativen beschließen Alice und Tom, ihn dabei zu begleiten. Von der Grundgeschichte her also quasi die gleiche Handlung wie „The Rising“ von Brian Keene: Roadmovie, Vater sucht Sohn. Hier enden allerdings auch die Gemeinsamkeiten.

Auf ihrer Reise treffen die beiden auf zwei weitere Charaktere – einen alten Schuldirektor und einen seiner Schüler, Jordan. Von diesen müssen sie etwas Schockierendes erfahren: die vom Pulse getroffenen, die aggressiv und wie Zombies alles angreifen, was nicht wie sie ist, zeigen ein merkwürdiges „Schwarmverhalten“. Tagsüber sind sie unterwegs und treiben ihr Unwesen und wenn sich die Nacht nähert, schließen sie sich zusammen, begeben sich an große Sammelstellen und legen sich dort, dicht gedrängt, hin, während sie sich von bestimmter Musik aus Lautsprechern beschallen lassen. Deswegen ist es sicher, nachts zu reisen. Die drei lassen sich von Jordan und dem Professor zu einer ungeheuren Tat überreden: einen großen Schwarm, der seinen Sammelplatz im Stadion der Schule hat, auszulöschen.

Dieses gelingt ihnen, doch was sie daraufhin über die Natur der vom Pulse getroffenen Zombies erfahren müssen, und was ihnen auf ihrem Weg nach Maine weiter wiederfährt, werde ich hier nicht im Detail wiedergeben, da die Geschichte relativ unerwartete Wendungen nimmt und ich dem Leser die Überraschungen nicht nehmen möchte.

Ursache der Zombifizierung

In „Cell“ gibt es keine Untoten. Tatsächlich sind es ausschließlich Lebende, die vom „Pulse“ aus ihrem Mobiltelefon getroffen werden. Dennoch verwandeln sie sich daraufhin in etwas, das dem klassischen Zombie denkbar ähnlich ist: sie werden hochaggressiv, sie sind willenlos, sie greifen alle an, die nicht zu Ihresgleichen gehören. Ihren Körper nehmen sie nicht mehr wahr, offene Wunden, Verletzungen, Infektionen sind ihnen gleichgültig und wenn jemand aus dem Schwarm an Schwäche oder Krankheit stirbt, so bleibt er tot. Zwar stopfen diese Zombies alles kritiklos an Nahrung in sich hinein, was sie finden, dennoch sind sie nach einigen Wochen unterernährt, verdreckt und vollkommen verwahrlost, da sie sich weder um ihre Kleidung noch um ihre Körperausscheidungen kümmern. Optisch also kaum vom „klassischen“ Zombie zu unterscheiden…

Wer genau diesen „Pulse“ gesendet hat, was er bezweckt und wie es zum merkwürdigen Schwarmverhalten der Betroffenen kommt, sind Fragen, mit denen sich auch die Protagonisten des Buches beschäftigen. Auch müssen sie im Laufe des Buches einige schockierende Dinge über die sogenannten „Phoner“ lernen, die diese in mancher Hinsicht sogar noch bedrohlicher oder gefährlicher machen als den herkömmlichen, einsam oder im Mob herumgammelnden Zombie.

Review

Wohl dem, der kein Handy hat!

„Cell“ von Stephen King ist zumindest ein ungewöhnlicher Zombie-Roman, das muß man ihm lassen. Die Handlung ist von einigen sehr unerwarteten Momenten und überraschenden Wendungen geprägt. Gemeinsam mit den Hauptpersonen kommt der Leser dem Geheimnis oder den Hintergründen der „Phoner“ näher und lernt mit ihnen zusammen – auf die harte Tour -, was sie ausmacht und worin ihre eigentliche Bedrohung liegt. Dennoch ist der Roman nicht ganz ohne Schwächen. Ja, ich habe kein Problem damit, den großen, heiligen Stephen King auch zu kritisieren.

Die Charaktere

Die Hauptpersonen des Buches sind eine interessante Mischung und ergänzen sich gut: der Comiczeichner, der schwule Intellektuelle, das toughe Mädchen, der philosophische Greis und der ihm ergebene jugendliche Computergeek. Die Charaktere sind stellenweise etwas „over the top“ geraten und ihre Beschreibungen, ihre Charakterisierungen sind etwas repetitiv. Nach mehreren hundert Seiten weiß man einfach, daß Clay ein Problem mit seiner Exfrau hat und an seiner Comicmappe hängt, daß Jordan ein Computergenie, daß Tom ein Feingeist,  daß Alice ein toughes Mädchen ist. Ihre Unterhaltungen sind manchmal zu intellektuell, besonders angesichts der Situation, in der sie sich befinden, und ihre Erkenntnisse und Schlußfolgerungen sind manchmal zu erkenntnisreich und gewitzt.

Trotzdem sind die  Hauptpersonen sympathisch und man fiebert mit ihnen mit und nimmt an ihrem Schicksal teil. Positiv bemerken möchte ich an dieser Stelle eine ausgesprochen gute und geradezu quälende Sterbeszene als eine der Hauptpersonen ums Leben kommt. Sie kam überraschend, unerwartet und war bewegend, so daß sie dem Leser nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

Gewalt, Splatter und Gorefaktor

Exzessiver Handygebrauch kann schlimme Folgen haben!

Ein Stephen King-Roman ist natürlich kein Brian Keene-Roman und deswegen ist das Ausmaß expliziter Darstellungen deutlich geringer. Aber es gibt durchaus gewalttätige und brutale Szenen, von sinnloser Gewalt unter den „normalen“ Leuten bis hin zu den Attacken der „Phoner“. Die Beschreibungen sind teilweise ausführlich und sparen nicht mit Details und Blut. Größere Abartigkeiten (ausschweifender Gore, sexuelle Thematiken), wie man sie aus der Zombieliteratur kennt, sucht man hier jedoch vergebens. Das Buch ist kein Splatterroman, zimperlich ist es jedoch auch nicht.

Auch gut gefallen hat mir die plastische Beschreibung von Gerüchen, die in vielen Büchern ja leider zu kurz kommen. Wenn Tausende seit Wochen toter Leute durch die pralle Sonne wanken und überall die Toten in den Straßen liegen, dann erwarte ich einfach entsprechende geruchliche Wahrnehmungen bei den Hauptpersonen. Zwar sind in „Cell“ die Zombies nicht tot, aber auch seit zwei Wochen ungewaschene, im Dreck hausende Leute, die sich in ihre eigene Kleidung erleichtern, müssen einen entsprechenden Eindruck machen. Und das tun sei auch, King verschont seine Hauptpersonen und die Leser nicht mit entsprechenden olfaktorischen Genüssen.

Der Gewaltgrad geht sicherlich in Ordnung, der Detailgrad expliziter Beschreibungen ist auf gewohntem Stephen King-Niveau und deshalb eine Spur schwächer als bei anderen Genrevertretern.

Fazit

Ich hatte mir „Cell“ gekauft, weil es als „Zombieroman“ angepriesen wurde. Schon nach wenigen Seiten stellte ich fest, daß es sich nicht um den klassischen Zombie der modernen Literatur handelt, also um keine Untoten, sondern um einen ganz eigenen Schlag zombifizierter Menschen. Trotzdem ist diese Form der Zombifizierung für mich ausreichend, um das Buch in diesem Blog zu rezensieren.

Mir hat Cell im großen und ganzen gut gefallen. Am Anfang könnte es etwas mehr Tempo vertragen und auch zwischendurch verliert die Geschichte etwas an Momentum, was auch an den etwas wiederholungsreichen Charakterisierungen der Hauptpersonen liegt. Dafür ist die Handlung sehr ungewöhnlich und die Scharm-bildenden Zombies sind definitiv ein neuer Blickwinkel, der etwas frischen Wind ins Genre bringt.

Der Leser wird genauso im Unklaren gelassen wie die Hauptpersonen und muß mit ihnen gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen, um herauszufinden, was um sie herum passiert. Immer wieder gibt es erstaunliche Momente und unerwartete Wendungen, so daß die Geschichte nicht vorhersehbar ist. Bis zum Ende wußte ich nicht genau, auf was das ganze hinauslaufen soll. Besonders das im Buch immer wiederkehrende Graffiti „KASHWAK  NO-FO“ treibt einen nach einiger Zeit fast in den Wahnsinn; ich bekam diesen Satz gar nicht mehr aus dem Kopf. Erst mit der Zeit erfährt man, was es damit auf sich hat, so daß man sich beim Lesen fast vom immer wieder auftauchenden Satz bedroht fühlt.

Auch sonst ist Bedrohungspotential gegeben, auch wenn bereits relativ früh deutlich wird, daß die Bedrohung bei dieser Form der Zombies weniger von körperlicher Gewalt ausgeht. Auch die Tatsache, daß die überlebenden Menschen zu einem Leben bei Nacht gezwungen werden und ihren ganzen Lebens- und Biorhythmus umstellen müssen, ist angenehm klaustrophobisch beschrieben.

Nach der Lektüre ist man skeptisch, wenn neben einem in der Bahn das Handy klingelt...

Leider kommt für mich ein wichtiger Aspekt der Zombieliteratur etwas zu kurz, nämlich die Bedrohung, die von anderen Menschen nach dem Zusammenbruch der Gesellschaft ausgeht. Zwar wird das Thema angeschnitten und die Charaktere haben einige unschöne Begegnungen mit Plünderern, enthemmten und durchgedrehten Flüchtlingen, aber ansonsten wird das ganze für meinen Geschmack etwas zu beiläufig abgehandelt. King wollte sich offenbar auf das Schicksal seiner Hauptpersonen konzentrieren, so daß er weniger Erzählzeit in die Beschreibung einer postapokalyptischen Welt nach dem Zusammenbruch der Zivilisation investiert hat. Diese bleibt deswegen etwas farblos.

Dafür hat er viel Energie in die Beschreibung seiner Charaktere investiert, die man im Buch sehr gut kennenlernt. Keiner bleibt gesichtslos oder stereotyp (wie z.B. in The Morningstar Strain) und der Leser nimmt regen Anteil am Schicksal der Hauptpersonen.

Ein dicker Negativpunkt ist für mich allerdings das Ende des Buchs, das ich sehr antiklimatisch fand. Okay, Stephen King war noch nie ein Meister der Enden und das „offene Ende“ wurde vermutlich extra für ihn erfunden. In diesem Buch findet die Geschichte ihren Höhepunkt und das Zusammenlaufen der Fäden im letzten Viertel, dümpelt danach in einer Art Nachgeschichte aber noch mit einem mittleren Spannungsbogen weiter, bis der Leser daran interessiert ist, zu erfahren, wie auch diese Nachgeschichte endet. Die darin noch aufrecht erhaltene Spannung findet aber leider nicht ihren befriedigenden Abschluß, so daß ich mit einem enttäuschten und „ach nee, das ist doch jetzt nicht dein Ernst“ zurückblieb. Ein bißchen drängte sich mir sogar der Eindruck auf, daß King selbst nicht so recht wußte, wie er die Geschichte zu einem befriedigenden Abschluß bringen sollte, so daß er eine etwas sehr billige Variante wählte.

Empfehlen kann ich das Buch sicherlich allen Stephen King-Fans. Der Autor bleibt sich und seinem seit vielen Jahren gewohnten Erzählstil treu.

"KASHWAK? NO-FO?"

Wer das Buch kauft, weil er einen Zombieroman wartet und die Romane der härteren Gangart gewohnt ist, muß selbst entscheiden, ob er dieses Buch mag oder als Zombiebuch akzeptiert. Es gibt keine Untoten, es gibt nur zombifizierte Lebende, jedoch ist die verheerende Auswirkung, die dieses Phänomen auf die Gesellschaftsordnung hat, vollkommen mit der Auswirkung in herkömmlichen Zombieromanen vergleichbar. Gewalt und Blut gibt es genug, jedoch nicht vom Kaliber eines Brian Keene. Die Handlung ist zumindest frisch und immer wieder überraschend – vom lahmen Ende einmal abgesehen. Rätsel wie „KASHWAK NO-FO“ brennen sich beim Lesen in das Gehirn und es gibt eine ausgesprochen gut erzählte Sterbeszene, die sich von den endlosen Sterbeszenen abhebt, mit denen man sich sonst für gewöhnlich von Hauptdarstellern verabschieden muß.

Ich finde, Cell bringt einen interessanten neuen Blickwinkel in das Zombiegenre und ist ein innovatives Gedankenexperiment, was man mit dem Thema sonst noch so jenseits der ausgetretenen Pfade anfangen kann. Es verwendet dabei einige klassische Motive der Zombieliteratur (vor allem den Roadmovie-Aspekt von Hauptpersonen, die eine Reise durch eine zerstörte Welt antreten) und vermischt sie mit ungewöhnlichen Ideen (den lebenden Schwarm-Zombies, die wie ein Kollektiv funktionieren).

Ich habe mich von dem Buch beim Lesen gut unterhalten gefühlt und mich gerne von den Wendungen der Geschichte überraschen lassen. Auch wenn nach dem Lesen leider durch das Ende der gute Gesamteindruck getrübt wurde und einen faden Nachgeschmack hinterließ, waren die 400 Seiten davor durchaus lesenswert und diesen Ausflug wert.

Meine Brainz:

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