Dying to Live: Life Sentence (Roman)

Dying to Live: Life Sentence von Kim Paffenroth

Teil 2 eines Zweiteilers. 1. Teil: Dying to Live.

Verlag: Permuted Press
Erscheinungsjahr: 2008
Umfang: 210 Seiten

Dying to Live: Life Sentence ist die Fortsetzung des 2006 erschienenen Romanes Dying to Live und spielt 12 Jahre später. Wie schon der Vorgänger, wird auch dieses Buch aus der Ich-Perspektive erzählt, jedoch nicht von Englisch-Professor Jonah Caine, sondern von zwei unterschiedlichen Erzählern: der 12-jährigen Zoey und Wade Truman, einem Zombie. Ja, richtig gelesen!

Allein die beiden ungewöhnlichen Ich-Erzähler machen das Buch zu einem besonderen Zombie-Roman. Zwar gibt es hier bei weitem nicht so viel Gewalt und Gore wie im ersten Teil, dafür werden die dort bereits angerissenen ethischen Grundfragen vertieft: In keinem anderen Zombie-Roman wird das Thema „Zombies sind auch nur Menschen“ so konsequent verfolgt und betrachtet wie in Life Sentence. Und das auf so interessante Weise, daß man den üblichen Zombie-Splatter nach kurer Zeit überhaupt nicht mehr vermißt.

Inhalt

Life Sentence ist die direkte Fortsetzung und baut auf den Ereignissen des ersten Bandes auf. Ich empfehle dringend, zuerst Teil 1 zu lesen, um die Hintergründe aller Charaktere und die Geschichte der beschriebenen Gemeinschaft zu verstehen. Zwar kann man das Buch auch als „Standalone“ lesen, dann wird einem aber vieles bis zum Ende nicht klar werden.

Zwölf Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils ist aus dem Baby Zoey, das zusammen mit seinem Vater Frank gerettet und zum Museum gebracht wurde, ein junges Mädchen geworden, das kurz vor seiner „Initiation“ steht. Im Laufe der Jahre hat die Gemeinde um Milton und Jack ihre Gesellschaftsordnung immer weiter verfeindert, so daß Kinder mit ungefähr 12 Jahren durch ein Aufnahmeritual Teil der Welt der Erwachsenen werden. Neben der Ausbildung an Waffen, dem Lesen von Literatur, Gesprächen und Diskussionen ist auch eine Beschäftigung mit der Frage nach dem Tod Teil der einjährigen Vorbereitung.

Zoey, die sich aufgrund der Umstände ihrer Geburt als Außenseiterin fühlt und in ihrer Kindheit häufig von den anderen Kindern gemobbt und verprügelt wurde, macht sich ihre eigenen Gedanken zum Thema und beschreibt sehr ausführlich, wie ihr Leben in der Gemeinschaft aussieht. Mittlerweile ist man nicht mehr nur auf das Museum beschränkt, sondern hat große Teile der Stadt bewohnbar gemacht, betreibt Ackerbau und hat sich – dank Milton – einen sicheren Lebensraum geschaffen.

Milton, dessen Gabe es ihm erlaubt, sich frei unter Zombies zu bewegen, hatte die letzten 12 Jahre genutzt, um die Zombies aus der Stadt zusammen zu treiben und – zu ihrem eigenen Schutz und dem Schutz der Menschen – in Lagern zu sammeln. Da ihm aufgefallen ist, daß einige aggressiver als andere zu sein scheinen, trennt er sie nun nach „friedlicheren“ Zombies und aggressiveren Zombies, damit die friedlichen eine Chance auf eine ruhigere Existenz haben. Dabei hilft im Will, der im ersten Teil noch unter dem Namen „Popcorn“ als wildes Kind Zuflucht im Museum gefunden hatte.

Die Geschichte um Zoey beschäftigt sich mit den Vorbereitungen und schließlich der Durchführung ihrer „Vows“, dem Eintritt in die Welt der Erwachsenen mit Übernahme von Pflichten und Erhalt von Rechten, bevor sie schließlich mit der zweiten Geschichte zusammenläuft: Den Erlebnissen des Zombies Wade Truman.

Wade Truman schreibt seine Geschichte auf einer alten mechanischen Schreibmaschine nieder und nur Schritt für Schritt erfährt der Leser, wie es dazu kam. Wade, dem zu Beginn noch die Worte fehlen und der die mangelnde Koordination und Konzentrationsfähigkeit seines Zustandes bedauert, berichtet vom Tag seiner Zombifizierung – an alle Ereignisse aus seinem früheren Leben kann er sich nicht erinnern, auch nicht, als er seine Papiere findet und Fotos seiner Familie sieht.

Als "Smart Zombie" kann Wade lesen

Es stellt sich nach und nach heraus, daß Wade ein sogenannter „Smart Zombie“ ist, dessen Körper zwar ausgeweidet und definitiv tot ist, der aber trotzdem noch denken kann. Er kann nicht sprechen, sondern es kommen nur die üblichen Stöhnlaute heraus, wenn er es versucht, und er hat große Probleme, zu greifen, zu laufen und andere Dinge zu tun. Auch handschriftliches Schreiben ist nicht möglich, sein Körper hat es verlernt. Schlafen, weinen und andere Dinge, die Menschen tun, kann er gar nicht, was er sehr bedauert. Auch ist er sich über seinen Zustand überhaupt nicht im klaren, er weiß nur, daß er „und die Leute, die sind wie er“ sich grundlegend von den „Leuten, die sprechen können und Waffen benutzen“ unterscheidet.

Wade findet Gesellschaft in Lucy (ihren wahren Namen erfährt er nie, weil sie nicht miteinander sprechen können), einer Smart Zombie-Frau, und in Will, der entdeckt, daß die beiden intelligent sind und verstehen können, was er sagt. Ohne der Gemeinschaft etwas zu sagen, läßt er sie heimlich aus dem Lager und unternimmt mit ihnen Ausflüge, unter anderem zu der Universität, an der Wade Philosophie-Professor war. Erstaunt stellt Wade fest, daß er offenbar Bücher geschrieben hat, deren Inhalt er heute nicht mehr versteht.

Als eine Gruppe marodierender Gesetzloser in die Siedlung eindringt und versucht, Zoey und zwei weitere Frauen zu vergewaltigen, kommt es zu einer Begegnung zwischen den Wade und Zoey…

Ursache der Zombiefizierung

Auch zwölf Jahre nach dem ersten Teil ist man der Ursache des Zombie-Outbreaks nicht auf die Spur gekommen – und versucht es auch gar nicht. Zombies werden als Teil des Lebens akzeptiert und die Frage nach dem „warum“ stellt längst niemand mehr. Die jüngeren Kinder kennen keine Welt ohne Zombies und wachsen ganz natürlich mit der dauerhaften Bedrohung auf, lernen aber auch, diese zu respektieren, weil das in ihrer Gemeinschaft so gepredigt wird.

Frische Infektionen finden kaum noch statt, dafür wird in dem Roman aber ganz deutlich, daß die Zombies viele Jahre lang in ihrem Zustand existieren können (in anderer Literatur geht der körperliche Verfall deutlich schneller voran). Auch wird jeder, der auf natürliche Weise stirbt, nach seinem Tod automatisch zum Zombie, weswegen es üblich ist, frisch Verstorbene zu fesseln und zu knebeln. Dann werden sie mit der Gemeinde zum (eingezäunten) Friedhof gebracht und dort freigelassen.

Review

Wie der Inhaltsangabe bereits erahnen läßt, ist Life Sentence kein Zombie-Buch, wie man es gewohnt ist. Es gibt keine Überlebenskämpfe, keine Mobs, die Überlebende verfolgen. 12 Jahre nach dem Zombie-Outbreak ist die Lage  deutlich entspannter, die Menschen haben gelernt, mit ihren „untoten Brüdern und Schwestern“ zu leben, die Gemeinschaft funktioniert und andere Fragen sind in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.

Kinder gehen zur Schule und staunen über die Berichte der „alten“ über die alte Welt, die sie sich nicht vorstellen können. Daneben wird ihnen als fundamentales Grundkonzept beigebracht, Respekt gegenüber den Zombies zu haben und sie als Verwandte zu betrachten, die nichts zu ihrem Zustand können und nur ihrer Natur folgen. Natürlich lernen alle Kinder auch den Umgang mit Schuß- und Stichwaffen, aber der respektvolle Umgang steht absolut im Mittelpunkt und findet seinen Höhepunkt im Initiationsritual.

Zombie-Ethik

Während Wade Buch um Buch liest, findet Lucy Zufriedenheit in der Musik

Zombies werden schon lange nicht mehr getötet, nur weil sie sich auf das Gelände der Gemeinschaft verirren, stattdessen hält man sie mit bißsicheren Armschonern und Knebeln in Schach, bis Milton geholt wird, der sie dann in eines der Aufnahmelager treibt. Da die Zombies in der Regel keinen Willen, keine Motivation, kein Interesse an irgendetwas besitzen, ist der Aufenthalt in einem Lager für sie keine Qual, sondern sie nehmen den Zustand des Eingesperrt-seins gar nicht wahr – bis auf die beiden „smart ones“, die bemüht sind, sich selbst zu beschäftigen, sei es mit Lesen oder dem Durchstöbern der Räume des Lagerhauses. Nur im äußersten Fall von Notwehr werden Zombies erschossen, was man aber stets zu vermeiden sucht.

Fragen der „Menschenwürde“ von Zombies werden in Life Sentence thematisiert wie in keinem anderen Zombie-Roman, und philosophische, ethische und praktische Betrachtungen des Daseins als Untoter sind ein Hauptthema des Buches.

Daneben ist das Buch einfach gut geschrieben, wieder beweist Kim Paffenroth, daß er die Ich-Perspektive sehr gut beherrscht. Sowohl die aus Zoeys Sicht geschriebenen Kapitel, als auch die Kapitel durch die Augen des erwachenden Zombies, der mehr und mehr von seiner Umgebung zu verstehen sucht, sind glaubwürdig und gut geschrieben.

Gewalt, Splatter und Gorefaktor

Im Vergleich zum Vorgänger und zu anderen Genrevertretern schaltet Life Sentence zehn Gänge zurück. Das Buch ist sicherlich eines der gewalt- und splatterärmsten Zombiebücher, was ihm aber nicht schadet. Denn auch wenn ich ein Fan expliziter Darstellungen bin, so müssen sie nicht aufgesetzt in ein Buch hineingequetscht werden, wo sie nicht glaubwürdig sind. Die körperliche Auseinandersetzung mit Untoten spielt in der Geschichte nach 12 Jahren einfach keine große Rolle mehr, weil man andere Wege gefunden hat, sich mit den Untoten zu arrangieren.

Aber keine Angst, gewaltfrei ist das Buch deswegen noch lange nicht. Sowohl in Zoeys als auch in Wades Leben gibt es mehr als eine Szene, in der beide zu Gewalt greifen (müssen), oder in denen man ihnen mit Gewalt begegnet. Nicht zuletzt kommt in dem Roman auch der von mir immer wieder bemüßigte und mittlerweile meilenweit ausgetretetene Spruch zum Einsatz, daß der Mensch auch hier wieder des Menschen schlimmster Feind ist, denn ein Überfall Außenstehender auf die intakte Gemeinschaft führt zu einem Gewaltexzess, in den die Hauptpersonen gegen ihren Willen hineingezogen werden.

Fazit

Als ich Life Sentence zum ersten Mal las und zum ersten Kapitel aus Wade Trumans Sicht kam, war ich für einen Moment irritiert, wer dieser Mensch ist und über was er da schreibt – schließlich ist er sich der Tatsache, daß er ein Zombie ist, nicht bewußt -, bevor ich kapierte, daß dort ein Zombie schreibt. Von dem Moment an war ich wirklich gebannt.

Die Grundidee des Buches ist wirklich gut – tatsächlich ist Life Sentence eines der wenigen Zombie-Bücher, das dem Leser das ungewöhnliche Gedankenexperiment erlaubt, sich mit dem Zombie zu identifizieren anstatt, wie üblich, mit dem Überlebenden. Der Leser bekommt einen Eindruck in die alltäglichen Probleme eines Zombies aufgrund seiner körperlichen Unzulänglichkeiten (Wade wurde bei seinem Tod ausgeweidet), in die Wahrnehmung der Umgebung und das Unverständnis der Vorgänge um ihn herum.

Wade versucht, die Vorgänge um ihn herum zu verstehen, und er weiß, daß etwas mit ihm ganz und gar nicht stimmt. Nur kann er es nicht festmachen und sich nicht erklären. Er weiß, daß er offenbar ein Leben hatte, an das er sich nicht erinnern kann, mit Frau und Kindern als Professor, und daß er sich grundlegend von den Menschen um ihn herum unterscheidet. Gleichzeitig ist er von Schuldgefühlen getrieben, weil er sich in seiner Anfangszeit vom rasenden Hunger leiten ließ, und fühlt sich zu Recht bestraft. Dieses moralische Dilemma kommt sehr gut herüber.

Aber auch die Geschichte von Zoey, der Adoptivtochter von Anführer Jack, ist sehr gut erzählt, ihre inneren Konflikte, die Schwierigkeiten, die ihr die anderen Kinder bereiteten, und ihr Alltag. Sie gerät in einen großen Konflikt, als sie zwischen die Gesetze ihrer Gemeinschaft und den freidenkenden Will gerät, und auch das ist ein gut erzähltes Thema.

Leider, leider finde ich, daß das Buch am Ende etwas nachläßt. Ich wartete die ganze Zeit auf einen Höhepunkt, auf einen Clash, auf den die Geschichte hinauslief, aber irgendwie kam dieser nicht. Stattdessen hatte ich das Gefühl, daß einige Themen nicht zum Abschluß gebracht wurden, der Autor aber offenbar sehr wohl der Meinung war, daß das Kapitel erzählt sei. Diese nicht erfüllte Erwartung trübt bei mir das ansonsten sehr gute Bild etwas.

Auch das Finale des Buches fand ich etwas schwach bzw. erzählerisch nicht so dicht wie der Rest der beiden Bücher. Die Geschichte endete mir irgendwie zu konstruiert, zu „ach welch Zufall“-mäßig und stellte für mich einen Bruch in der ansonsten gut erzählten Story dar. Hier hätte ich mir ein etwas tiefgründigeres, etwas anspruchsvolleres gewünscht.

So wirkte es am Ende etwas überhastet zuende erzählt, ohne die kurz vor Schluß neu aufgeworfenen Fragen zufriedenstellend zu lösen, und die Lösung, die Paffenroth am Ende für seine Protagonisten vorsah, hat mich nicht so richtig überzeugt. Das Ende ist nicht offen, sondern die Geschichte kommt zu einem Abschluß, aber dieser Abschluß kann leider nicht mit dem Rest des Buches mithalten.

Abartige, böse Menschen dürfen in keinem postapokalyptischen Roman fehlen

Das kann aber natürlich auch absolut nur mein Geschmack sein und alle anderen Leser finden, daß dieses Ende wohl verdient war, ich weiß es nicht. Mich hat es nicht zufriedengestellt und ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Deshalb gibt es 1 Brain Abzug.

Das soll aber keineswegs bedeuten, daß Life Sentence kein gutes Buch ist, ganz im Gegenteil!  Ich war absolut gebannt, als ich es gelesen habe, ich habe es fast am Stück verschlungen und es ließ mir keine Ruhe, bis ich es ausgelesen hatte. Die beiden Dying for Live-Bücher gehören sicherlich zu den richtig guten Büchern im Zombiegenre und sie sind ungewöhnlich, brechen mit alten Traditionen und stellen Fragen in den Mittelpunkt, die von den meisten Büchern kaum gestreift werden. Wer sich im Bereich der Zombieforschung für ethische und philosophische Fragen interessiert, wird hier sicherlich fündig!

Trotz meiner persönlichen Probleme mit dem Ende kann ich beide Dying for Life-Bände empfehlen, die unbedingt direkt nacheinander gelesen werden sollte. Die dort gezeigte Welt ist ungewöhnlich, der Umgang mit den Zombies unkonventionell, die Erzählperspektiven sorgen für ein tiefes Eintauchen in die Erzählung.

Wer nur auf Splatter, Gewalt und Gore aus ist, wird mit Teil 2 nicht ganz so glücklich, aber jeder Freund anspruchsvoller Zombiekost wird sich, wie ich, an Dying for Life erfreuen.

Meine Brainz:

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