Dead Set (Film)

Erschienen: 2008, Großbritannien
Regie: Yann Demange
Laufzeit DVD: 141 Minuten
Versionen: Keine deutsche Version erhältlich, nur als UK-Version (keine deutschen Untertitel!).
Altersfreigabe: ab 18 (UK)

Zombies im Big-Brother-Container? Okay, auf den ersten Blick scheint diese Idee nicht sonderlich neu zu sein. RTL II hat uns bereits zu Genüge bewiesen, daß diese Vision längst traurige Realität ist.

Worum geht’s?

Noch läuft die Live-Show planmäßig

Doch die britische 5-teilige Miniserie „Dead Set“ geht noch einen Schritt weiter: Während einer Big-Brother-Staffel kommt es „draußen“ in Großbritannien zu einem Zombie-Outbreak. Während die Zivilisation versinkt und die Menschen zu mordenden Untoten werden, bekommen die Bewohner im Inneren des Containers aufgrund ihrer Isolation von der Außenwelt nichts von alldem mit… bis sie eines Morgens nicht mehr von der gewohnten Stimme aus dem Off geweckt werden, bis man ihnen keine Befehle mehr erteilt und bis die Mikrophone stumm bleiben, die Kameras sich nicht mehr bewegen und niemand auf ihre Rufe antwortet. Zuerst hält man dieses noch für eine „Challenge“, doch schließlich müssen die Bewohner erkennen, daß etwas ganz und gar nicht stimmt…

Ursache der Zombiefizierung

Die Ursache wird nicht thematisiert – sie spielt auch keine Rolle. Der Outbreak geht rasant vor sich und bei den Zombies handelt es sich um den modernen rennenden Typ „Sprinter„, wie man sie aus dem Remake von Dawn of the Dead, aus 28 Days Later oder Left 4 Dead kennt. Die Infektion verbreitet sich rasend schnell und befällt die Studio-Crew des Big Brother-Aufnahmeteams im gleichen Tempo wie den Rest des Landes.

Darsteller und Schauplatz

Moderatorin Davina McCall ließ sich die Eingeweide sichtlich schmecken

Sicherlich am bemerkenswertesten ist die Tatsache, daß die Original-Moderatorin der britischen Big-Brother-Show – Davina McCall – sich selbst spielt… und das mit sichtlichem Vergnügen. Wie dem ebenfalls auf der DVD erhältlichen Making-Of zu entnehmen ist, gefiel ihr insbesondere ihr reißerisch inszenierter Tod und ihre Verwandlung in einen rasenden Zombie.

Die ersten Szenen von Dead Set wurden im Fernsehformat gefilmt, um den Big-Brother-Szenen einen noch authentischeren Look zu geben und das Original-Gefühl einer Fernsehausstrahlung zu vermitteln. Der Film beginnt an einem sogenannten Auszugstag, an dem ein Bewohner vom Publikum herausgewählt wird und den Container verlassen muß. Tränenreiche Abschiede, schrille Kostüme der Bewohner und Zickereien sind hierbei natürlich ebenso zu finden wie ein jubelndes und buhendes Publikum vor dem Container, das den herausgewählten Kandidaten in Empfang nimmt. Moderiert wird die Live-Show von Davina McCall im absolut unverkennbaren Big-Brother-Stil.

Gefilmt wurde der Auszug der Kandidatin Pippa im Rahmen eines echten Auszugs aus dem britischen Container, so daß das Publikum genau deswegen so authentisch wirkt, weil es authentisch ist...

Was tun, wenn im Sprechzimmer keiner mehr antwortet?

Neben den Einblicken in den Big Brother-Container selbst spielt ein weiterer Handlungsteil „hinter den Kulissen“, d.h. im Fernsehstudio, in den mit Einwegspiegeln verkleideten Kameragängen des Containers und bei der Produktionsfirma. Neben dem zynischen und menschenverachtenden Regisseur der Sendung, Patrick (genial und hingebungsvoll gespielt vom britischen Schauspieler und Magier Andy Nyman), findet sich hier die eigentliche Hauptperson der Mini-Serie: Kelly (gespielt von Jamie Winstone).

Kelly, die als Springerin in der Regie arbeitet, entwickelt sich im Laufe des Films von der genervten, zum Kaffeekochen verdonnerten Aushilfe zur toughen und nervenstarken Protagonistin, die realistisch die Situation einzuschätzen lernt und der die undankbare Aufgabe zufällt, einer Zufallstruppe aus Hysterikern, Machtmenschen, Außenseitern und Zicken zu zeigen, wo es langgeht…

Die typischen Big-Brother-Bewohner

Auch die anderen Figuren sind ausnahmslos hervorragend besetzt und wirken sehr authentisch. Gerade die Big Brother-Bewohner zeigen den üblichen Mix an Charakteren, wie man sie aus dem Container kennt: die Tunte, der schlaumeiernde Außenseiter, den keiner leiden kann, die dumme Sexbombe, die Berechnende, die Kumpelhafte, der gestriegelte Schönling… sie alle wirken wie echte Kandidaten.

Kein Big Brother ohne schrille Kostüme und Selbstdarstellung

Es gibt noch eine weitere Nebenhandlung, in der Kellys Freund, der pakistanisch-stämmige Riq, versucht, sich zum Big Brother-Container durchzuschlagen, als er im Fernsehen sieht, daß dort noch Überlebende sind. Er trifft auf die harte und kompromißlose Alex, die ihm mit ihrem Jagdgewehr das Leben rettet. Auch hier fällt auf, daß es die Frauen sind, die in diesem apokalyptischen Film die „starken“ Charaktere sind, die die Nerven bewahren und den oft kopflos agierenden Männern zeigen, wo es lang geht.

Gedreht wurde in einem nachgebauten Big-Brother-Container, der etwas den Gegegebenheiten des Film-Drehs angepaßt werden mußte (im echten Container wäre es laut dem Regisseur zu eng gewesen, um die Kameras und die zahlreichen Mitglieder der Film-Crew unterzubringen). Dennoch wurde der nachgebaute Container detailgetreu an die Container der bisherigen UK-Staffeln angepaßt und mit vielen Features, Accessoires und Anspielungen darauf versehen. Einen Außenbereich mit Pool gibt es ebenso wie das Bad, den großen Aufenthaltsraum mit Küche, das Sprechzimmer und das Gemeinschaftsschlafzimmer. Überall befinden sich die typischen Kameras und Einwegspiegel.

Dead Set Trailer

Gewalt- und Gorefaktor

Aufnahmeleiter Patrick kommt angesichts der Katastrophe schon auf geradezu abwegig-abartige Ideen

Dead Set ist kein Film für zimperliche Gemüter. Ganz im Gegenteil kann sich diese britische Miniserie mit den gore-lastigsten Genrevertretern problemlos messen. Hier wurde geradezu eine Freude und ein diebisches Vergnügen an der Darstellung von Eingeweide, platzenden Köpfen, abgetrennten Gliedmaßen, Blut und Gewalt zelebriert. Teilweise wartet der Film mit Ideen am Rande des Abartigen auf.

Trotz der wirklich expliziten Darstellung und dem allgemein ernsten Grundtenor des Films zitiert Dead Set zahlreiche Zombie-Klassiker (der Klassiker: „They are coming to get you, Barbara….“) und imitiert in als Hommage gemeinten Anspielungen ganze Szenen (wie den abgetrennten Kopf von Captain Rhodes in Day of the Dead) oder läßt die Hauptdarsteller Sätze aus anderen Filmen sprechen (vor allem aus Romero-Filmen, z.B. Dawn of the Dead). Dead Set spielt geradezu mit dem Genre, treibt es bewußt auf die Spitze und darüber hinaus, kaschiert die schlimmsten Details teilweise aber auch durch sehr schnelle Kameraschnitte und eine gewollt dokumentarische, verwackelte Kamera, wie sie zur Zeit ebenfalls in vielen Filmen „modern“ ist. An anderen Stellen jedoch suhlt er sich geradezu in der ausschweifenden Darstellung.

Mit Zombie-Komödien wie „Shaun of the Dead“ hat Dead Set aber nichts gemeinsam. Der Film ist durchaus ernst gemeint, ernst gespielt und stellenweise bitterböse. Statt lustiger Elemente gibt es hier allenfalls Galgenhumor und Zynismus und die Kulturkritik bzw. Kritik an der Fernsehkultur ist nicht zu verkennen.

Kelly, die toughe Protagonistin, konfrontiert die Bewohner mit der Realität

Auch sonst merkt man dem Film an, daß es keine US-Produktion ist, denn dann wäre vermutlich nichts von der Tonspur übrig geblieben, die zu einem überwiegenden Anteil aus Flüchen, Schimpftiraden, Beleidigungen der schlimmsten Sorte und einem sehr intensiven Gebrauch des berühmten F-Wortes besteht. Die Charaktere nehmen – angesichts ihrer ausweglosen Situation – realistischerweise kein Blatt vor den Mund und sprechen mehr Klartext, als man es je in einem US-Film hören würde.

An Blut wurde definitiv nicht gespart.

Daneben sind dem Film auch andere menschliche Bedürfnisse nicht fremd – wie die drängende Frage der Darmentleerung in einen Eimer, das Erbrechen angesichts des gesehenen Grauens und ähnliche Fragen, die in anderen Filmen normalerweise nicht thematisiert werden.

Wer befürchtet, daß die Gewalt und der Gore in Dead Set heruntergeschraubt ist, weil es sich um eine Miniserie handelt, wird schnell eines Besseren belehrt. Dead Set ist hart, absolut hemmungslos gewalttätig und zelebriert das Szenario auf eine typisch britische Weise.

Versionshinweise und Sprache

Dead Set ist bislang nicht in Deutschland erschienen und irgendwie habe ich auch meine Zweifel, daß dieser Film es ungeschnitten auf eine deutsche DVD schaffen würde. In Großbritannien liefen die (preisgekrönten!) Folgen dafür ungeschnitten in fünf Nächten hintereinander auf dem digitalen Pay-TV-Kanal E4.

Es stellt sich bei Big Brother die Frage... ist der Zombie auf oder vor dem Bildschirm?

Verfügbar ist Dead Set in zwei Versionen als UK-Import – als Original-DVD von 2008 und als „Re-Package“ von 2009, wobei ich den Unterschied bislang noch nicht wirklich ausfindig machen konnte.  Ich selbst habe die Original-DVD von 2008, die neben den Folgen noch sehr amüsante Making-Ofs und Hintergrundinformationen, herausgenommene Szenen, Interviews und Führungen durch die Kulissen enthält.

Achtung: Die Darsteller sprechen ein extrem britisches Englisch, womit KEIN Oxford-Englisch gemeint ist. Zudem ist die Sprache stellenweise sehr grob und schimpfwortgespickt, so daß man über sehr gute Sprachkenntnisse verfügen sollte, wenn man den Film in seinem ganzen Umfang genießen will. Die DVD ist PAL und region-free, enthält aber nur englische Untertitel.

Erhältlich ist der Film unter anderem bei amazon.co.uk und als Import bei amazon.de, allerdings (berechtigerweise) ohne Jugendfreigabe.

Fazit

Wie man den obigen Ausführungen entnehmen kann, bin ich sehr angetan von Dead Set. Der Film ist sehr britisch, sehr hart, hat überraschende Wendungen und die Grundgeschichte – Bewohner im Big Brother-Container überleben den Zombie-Outbreak als letzte Bastion der menschlichen Zivilisation – ist einfach genial.

Fans knallharter Zombiekost können problemlos zugreifen. Insbesondere Romero-Fans werden sich an den versteckten und offenen Anspielungen erfreuen, aber wer sich im Bereich der Zombiefilme auskennt, wird noch mehr Zitate aus anderen Bereichen entdecken.

Dead Set ist nichts für empfindliche Gemüter, weder was den Splatter-Faktor, noch die derbe Sprache, noch die Darstellung menschlicher Grundbedürfnisse angeht. Aber empfindliche Gemüter vermute ich auch nicht unter den Lesern meines Blogs 😉

Dead Set kriegt von mir die volle Punktzahl, denn mir fällt eigentlich nichts ein, was mir an der Serie nicht gefällt oder was man noch besser hätte machen können. Die Charaktere sind großartig und vielseitig, die Schauspieler absolut überzeugend, die Story ist einfallsreich und es gibt viele Elemente, die einen wirklich überraschen und die dem Zombiefreund gepflegt zu gefallen wissen.

Die Qualität der Tricks, der Masken und Gore-Effekte ist durch die Bank hochwertig und muß sich hinter keiner modernen US-Produktion verstecken. Die Aufnahmetechnik ist sehr gut, der Film hat ein interessantes und durchdachtes Farbschema. Auch der Soundtrack ist sehr passend und gut gewählt. Auch technisch gibt es an Dead Set also gar nichts auszusetzen.

Man merkt Dead Set an, daß alle Beteiligten an dieser Produktion mit Leib und Seele dabei waren – deshalb sollte diese britische Mini-Serie ganz einfach in keiner Zombie-Filmsammlung fehlen!

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9 Antworten to “Dead Set (Film)”

  1. heavyfire Says:

    Die Serie war einfach genial! gibt es eigentlich noch andere Zombie-Serien? denn wenn nicht dann sollten die sich mal dran ein Beispiel nehmen.

  2. Es gibt noch eine weitere Zombie-Serie auf Channel 4 namens „Alive“, die sich mit dem Überleben inmitten eines postapokalyptischen Zombie-Szenarios befaßt. In jeder Folge geht es um das Schicksal einer bestimmten Person oder Gruppe und wie sie entkommen konnte. Bisher gibt es zwei Staffeln mit insgesamt 19 Folgen, aber sie sind nicht auf DVD erschienen.

  3. Ich habe echt lange gesucht,aber nichts über „Alive“ im Web gefunden.
    Gibt es die Serie wirklich?

  4. Alexander Boehm Says:

    Ja, die Serie gibt es wirklich, aber da geht es nicht um Zombies, sondern um die dokumentarische Aufarbeitung von „Überlebenden in Extremsituationen“.

    Also reale Geschichten über Menschen, die es geschafft haben in extrem gefährlichen und lebensbedrohlichen Situationen (zBsp im Urwald oder in der Arktis) am Leben zu bleiben. Daher der Titel „Alive“.

    Mehr Infos gibt es unter folgendem Link:
    http://www.channel4.com/programmes/alive

  5. „… bei den Zombies handelt es sich um den modernen rennenden Typ „Sprinter„, wie man sie aus dem Remake von Dawn of the Dead, aus 28 Days Later oder Left 4 Dead kennt.“
    nur mal am Rande liebe Zombiefreunde: dieser ‚Typ‘ ist bereits bei Return otlD zu sehen (zusammen mit dem erstmaligen Hunger auf Gehirne).
    Aber sehr schönes Review zu einem kleinen Geheimtipp.

  6. Anonymous Says:

    schade das es diese serie nicht in deutsch giebt mein eng. is echt schlecht

  7. Anonymous Says:

    Da habe ich gute Nachrichten für Dich!

    Dead Set wird auch in Deutschland erscheinen, es ist ein DVD-Release geplant.

    Zur allgemeinen Verblüffung ist die Miniserie von der FSK mit einer „KJ“-Freigabe ungeschnitten freigegeben worden.

  8. Hello, I think your website might be having browser compatibility issues.
    When I look at your website in Firefox, it looks fine but when browsing in Explorer,
    it has some overlapping. I just wanted to give you a quick heads up!

    Other then that, excellent blog!

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