The Words of Their Roaring (Roman)

wordroaring_coverThe Words of Their Roaring
von Matthew Smith

Verlag: Abbadon Books
Reihe: Tomes of the Dead (inhaltlich nicht zusammenhängend)
Erscheinungsjahr: 2007
Umfang: 338 Seiten

Unter dem Label „Tomes of the Dead“ veröffentlicht der Verlag Abbadon Books seine Zombie-Romane. Diese sind so vielfältig und von der Qualität her schwankend wie ihre Autoren und die Szenarien, die sie beschreiben. Allerdings finden sich unter den „Tomes“ gelegentlich auch echte Highlights.

The Words of Their Roarings“ vom britischen Autor Matthew Smith ist ein solcher Ausnahmetitel, der im Bereich der postapokalyptischen Zombieliteratur zu den ungewöhlichen und sicherlich auffallenden Titeln zählt. Erst einmal ist er, im Gegensatz zur Mehrheit der vom US-Markt geprägten Zombieliteratur, durch und durch britisch und spielt im Großraum London.

Zudem sind die Hauptpersonen so ungewöhnlich wie der zeitliche Ablauf des Romans und die Vorgeschichte der Apokalypse. Sicherlich ein etwas speziellerer Vertreter dieses Genres, der möglicherweise nicht den Geschmack jedes Zombiefans trifft, aber so erstaunlich und voller überraschender Wendungen und mit einer Erzählweise, die mit jeder herkömmlichen Tradition bricht, daß „Words of Their Roaring“ für mich zu einer Pflichtlektüre im Bereich des postapokalyptischen Zombieromans zählt. Ich bin von diesem Buch jedenfalls sehr angetan und fühlte mich während des Lesens gelegentlich wie von einem Auto überfahren – im positiven Sinne. Und das will etwas heißen, denn ich bin einiges gewohnt.

Ursache der Zombifizierung

Ein britischer Soldat erträgt die Enge des Schützengrabens nicht mehr

Ein britischer Soldat erträgt die Enge des Schützengrabens nicht mehr

Gleich in diesem Punkt, zu Beginn des Buchs, überrascht Matthew Smith den Leser mit einer ungewöhnlichen Vorgeschichte. Sprachlich exzellent, sehr eindringlich und plastisch beschrieben versetzt uns die Einleitung in die schlammigen, nebeligen Schützengräben des 1. Weltkriegs und an die Seite eines jungen britischen Rekruten, der vom monatelangen Stellungskrieg so zermürbt und traumatisiert ist, daß er, als seine Einheit endlich den Befehl zum Stürmen bekommt, in die andere Richtung läuft und desertiert. Bei seiner kopflosen und unkoordinierten Flucht kommt er einem grauenhaften Geheimnis, genauer gesagt, einem Militärexperiment der Deutschen auf die Spur: Einem Projekt namens „Operation Totenkrieg„.

Ob die Deutschen die ersten waren, die mit dieser Form der biologischen Kriegsführung experimentiert haben, bleibt ungeklärt. Im Laufe des Romans wird nur eines deutlich: Militär, Wissenschaftler und Verbrechersyndikate gleichermaßen sind damals wie heute an derartigen Methoden interessiert… und damals wie heute gehen derartige Experimente schief.

Wie das London der Gegenwart von Zombies zerstört wurde, wird erst im Laufe des Buches deutlich, da die Vorgeschichte sozusagen von hinten aufgerollt wird. Deswegen verrate ich an dieser Stelle auch nicht mehr zu dem Thema.

Auch die Zombies in diesem Buch (genannt „Returner“ oder, unförmlicher, „Deadfucks“) sind sehr ungewöhnlich und durchlaufen im Verlauf des Buches interessante evolutionäre Stadien.

Inhalt

Es ist schwer, den Inhalt dieses Buches wiederzugeben, ohne zu viel zu verraten oder das Lesevergnügen durch Spoiler gar zu verderben. Ich gehe in meinen Reviews zwar ausschweifend auf meine gelesenen Bücher ein, vermeide es aber dennoch, die letztendlichen Überraschungen und Kernelemente jeder Geschichte (selbst der schlechten Romane) zu verraten.

Das Problem bei „The Words of  Their Roaring“ ist die Tatsache, daß das Buch nicht linear erzählt wird, sondern extrem überraschende Zeitsprünge sowohl nach vorne als auch nach hinten enthält. Und genau diese Zeitsprünge sind es, die für die größten Schock- und Überraschungsmomente der Geschichte sorgen. Deswegen werde ich nur den ersten Handlungsfaden anreißen; wie es weitergeht und was die „eigentliche“ Geschichte ist, muß der Leser in diesem Fall selbst herausfinden.

Ein Krimineller als Hauptperson? Kann das funktionieren? Ja, es kann!

Ein Krimineller als Hauptperson? Kann das funktionieren? Ja, es kann!

Die Geschichte beginnt in einem postapokalyptischen London, drei Jahre nach dem Ausbruch der Zombifizierung (im Buch genannt „The Outbreak“). Hauptperson ist ein Kleinkrimineller namens Gabe, der für einen Verbrecherlord namens Henry Flowers arbeitet. Während die Stadt verwüstet und geplündert ist, Überlebende sich in kleinen Gruppen zusammenrotten und ständig auf der Suche nach Nahrung und Vorräten aus ihren Verstecken kommen müssen, baut Flowers sich in London sein Imperium auf. Er und seine Leute residieren in einer Festung, er läßt sie neben Vorräten auch Gold, Geld und Schmuck plündern (Dinge, die vollkommen wertlos geworden sind), weil er der Ansicht ist, daß diese Situation eines Tages vorüber sein wird. Zombies verwesen und eines Tages wird die Krankheit ausgebrannt sein – und dann werden die Karten neu gemischt und er will sich seine Macht für die Zukunft schon jetzt sichern.

Gabe und die anderen Handlanger des Verbrecherlords sind froh, in seiner Organisation untergekommen zu sein – er bietet ihnen Schutz, Koordination, „Strength in Numbers“. Als Gegenleistung sind sie ihm loyal ergeben und arbeiten mit ihm daran, das Imperium zu stärken und die Grundlage für die post-Zombie-Ära zu legen.

Allerdings ist Flowers nicht der einzige machtbesessene Crimelord der Stadt; auch ein Syndikat aus Osteuropa versucht, sich einen Teil Londons zu sichern und ein Reich zu errichten. Daneben gibt es marodierende Gangs, Skins, Motorradrocker, das Militär, Vergewaltiger, Kannibalen und jede Menge weiteren Abschaum, der die Stadt zu einem unsicheren Ort für jeden Überlebenden macht. Wie in vielen anderen postapokalyptischen Romanen, sind die Überlebenden meist eine größere Bedrohung als die Untoten. Die Straßen der Stadt sind für „normale“ Menschen nicht nur tabu wegen der allgegenwärtigen Zombies, sondern genauso wegen der rücksichtlosen marodierenden Gangs.

Zombies in London

Zombies in London

Aus der Sicht von Gabe werden Raubzüge, Kämpfe gegen Zombies und gegen die Konkurrenz geschildert; wir lernen die Organisation von Henry Flowers, das Hauptquartier und seine „Vision“ kennen. Hierbei werden einige Themen zwar beschrieben, der Leser versteht sie allerdings erst nach Teil II oder III des Buches, die Zeitsprünge beinhalten und die Geschichte quasi von hinten nach vorne erzählen. Das ist zwar höchstgradig gewöhnungsbedürftig, aber ein extrem spannendes Stilelement, das für mehr Überraschungen sorgt als die Geschichte allein je hätte bringen können, wäre sie geradelinig vom Anfang bis zum Ende beschrieben worden.

Der erste Teil, auf den ich mich beschränken möchte, endet mit der Eskalation zwischen Flowers Organisation und der verfeindeten osteuropäischen Mafia, zwischen deren Fronten Gabe gerät. Die eigentliche Handlung und die Vorgeschichte beginnen in Teil II…

Review

Hmmm, ein Roman über einen Kleinkriminellen, der für einen Verbrecher arbeitet? Will man das lesen? Ja, will man – selbst wenn man sich für Mafia, Syndikate und Machtmißbrauch eigentlich gar nicht interessiert.

Denn wie bereits gesagt, habe ich nur die Vorgeschichte angerissen; die Geschichte geht weit, weit darüber hinaus und läßt keine Wünsche offen. Es gibt ein postapokalyptisches Szenario, es gibt massenhaft Zombies in allen Verwesungsstadien, es gibt Hauptpersonen jenseits des Syndikats, es gibt Einblicke in streng geheime, moralisch bedenkliche Forschungen des Militärs, skrupellose Leute auf allen Seiten – aber auch Menschen mit Gewissen, die einfach nur zu überleben versuchen und sich in einem ständigen Drahtseilakt zwischen Überleben und Moral befinden.

Der Mensch im Mittelpunkt

Alleine durch die Straßen Londons zu gehen, ist Selbstmord

Alleine durch die Straßen Londons zu gehen, ist Selbstmord

Menschliche Stärken, Schwächen, Zweifel, aber auch Machtgelüste, Kaltblütigkeit und Rücksichtlosigkeit gegen Schwächere dominieren das Buch. Zwar gibt es ausreichend viel Action, Gewalt und Tempo, aber der Autor hat definitiv ein Talent dafür, sich in das Innenleben seiner Hauptpersonen zu versetzen. Er nimmt eine gnadenlos subjektive Perspektive ein, so daß man nach einiger Zeit gar nicht anders kann, als sich mit Gabe zu identifizieren. Zu Beginn ist das etwas problematisch, weil er kein Vorzeigeheld oder „guter“ Charakter ist, aber ist der Schalter einmal umgelegt, so packt einen das Schicksal dieses Kriminellen und man beginnt, die Welt durch dessen Augen zu sehen.

Die Charaktere sind sehr gut beschrieben, haben Tiefgang und faszettenreiche Persönlichkeiten weit jenseits aller Klischees. Neben seinem Talent für Erzählperspektiven gefällt mir auch Smiths Art, die Umgebung zu beschreiben, sehr gut.

Dekadenz und Perversion greifen nach dem Zerfall der Gesellschaft um sich

Dekadenz und Perversion greifen nach dem Zerfall der Gesellschaft um sich

Bereits in der im 1. Weltkrieg spielenden Einleitung war mehr Farbe, Plastizität und beklemmende Detailtreue als ich in zwei kompletten Büchern meines vielzitierten Negativbeispiels „The Morningstar Strain“ je finden konnte – wo es einem Autor aufgrund mangelnder Erzählkompetenz nicht gelang, eine eigentlich interessante Geschichte auch so herüberzubringen. Hier war ich von Anfang an gebannt von Smiths Erzählstil, der einen augenblicklich sehr eindringliche Einblicke in das Seelenleben des desertierenden jungen Soldaten nehmen läßt. Allein die Tatsache, daß es ihm gelingt, den Leser mit Gabe für das Schicksal einer Hauptperson zu begeistern, der „eigentlich“ kein Sympathieträger ist (aufgrund der stattfindenden Identifikation jedoch plötzlich dazu wird), spricht für den Autor.

Neue Zombies braucht das Land

Wer ist gefährlicher? Mensch oder Zombie?

Wer ist gefährlicher? Mensch oder Zombie?

Die Zombies beginnen klischeehaft im Romero-Style und erfüllen alle Erwartungen, die man an sie stellt. Aber auch was das Thema „Zombifizierung“ angeht, findet in dem Buch eine erstaunliche Entwicklung statt, die im zeitlichen und inhaltlichen Zusammenhang mit den verschiedenen Handlungsebenen in den einzelnen Zeitlinien steht. Sicherlich ein ungewöhnlicher Ansatz, der sich (ähnlich wie in The Rising) angenehm von den Standard-Zombies abhebt. Dabei muß der passionierte Zombie-Fan nicht zu aufwendig umdenken, denn der evolutionäre Prozeß vollzieht sich langsam und vor den Augen des Lesers.

Gewalt- und Gorefaktor

Mit Gewalt wird in dem Buch nicht gerade zimperlich umgegangen – sowohl, was Gewalt von / gegen Zombies angeht, als auch im Hinblick auf den Umgang der Menschen miteinander. Liebhaber von Waffen und als Waffen mißbrauchte Alltagsgegenstände sowie expliziter Beschreibungen von deren Einsatzmöglichkeiten kommen genauso auf ihre Kosten wie Freunde des gepflegten Zombie-Festmahls samt Eingeweide.

Gewalt und Bandenkriege beherrschen London

Gewalt und Bandenkriege beherrschen London

Darüberhinaus bricht das Buch mit einigen Tabus, da vor allem im Einflußbereich des osteuropäischen Syndikats (deren Hauptquartier und Enklave sich „Resurrection Alley“ nennt) eine Vergnügungsmeile für geradezu alle perversen Gelüste eingerichtet wurde und die Menschen nach drei Jahren Überlebenskampf in teils abartige Barbarei, Dekadenz und Perversion verfallen. Im Gegensatz zu z.B. Kim Paffenroths „Dying for Life„, das eher aus einer gewaltablehnenden Perspektive erzählt wird und von einer Hauptperson handelt, die gegen ihren Willen zur Ausübung von Gewalt zum Sichern des eigenen Überlebens gezwungen wird und darüber auch dauerhaft reflektiert, gehen Gabe und die anderen Hauptpersonen ganz natürlich mit Gewalt um, da es akzeptierter Teil ihres Lebens und der neuen Gesellschaftsordnung ist.

Demzufolge ist das Buch relativ hart, weil zwar nicht übertrieben gesplattert wird, die Gewalt aber als normal und selbstverständlich erachtet wird.

Fazit

Subjektiv-StempelThe Words of Their Roaring“ ist sowohl vom Setting (London, 3 Jahre nach dem Outbreak), den Hauptpersonen (Kriminelle), dem Erzählstil (teils schockierende, weil absolut unerwartete Zeitsprünge) und den Zombies her ein sehr ungewöhnlicher Zombieroman.

Matthew Smith bewegt sich weitab von jedweden Klischees, beschreitet auch ungewöhnliche Wege im Zombie-Genre und seine Stilmittel, um den Leser zu fesseln und zu überraschen, funktionieren hervorragend. Daneben schreibt er sehr plastisch und anschaulich und macht es dem Leser leicht, sich durch die subjektive Perspektive in die Handelnden zu versetzen.

Trotz all der Ungewöhnlichkeiten bleibt „Words of Their Roaring“ ein harter, straighter und gewaltgeladener Zombieroman, der sicherlich keinen Die-Hard-Zombiefan enttäuschen wird. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, nachdem ich meine anfängliche Irritiation über den Hauptcharakter Gabe überwunden hatte und merkte, wie ich seine Perspektive zu verstehen und zu übernehmen begann. Dabei hebt sich das britische Setting angenehm von der sich immer wiederholenden Zerstörung amerikanischer Großstädte ab, mit denen man es in der Mehrzahl der Zombieromane zu tun hat, und auch der britische Ton und die britische Mentalität heben das Buch von der US-Konkurrenz ab.

Überlebenskampf im postapokalyptischen London

Überlebenskampf im postapokalyptischen London

Wer nicht allzu zimperlich ist (und welcher Zombiefan ist das schon? 😉 ) und auf der Suche nach neuer Lektüre ist, sollte sich „Words of Their Roaring“ unbedingt vormerken. Es ist einerseits durchaus ein klassischer postapokalyptischer Roman und das Zombiesetting samt des Verfalls der menschlichen Gesellschaft werden ausgiebig beleuchtet. Daneben hat es viele ungewöhnliche Aspekte, die das Buch aus der Masse der Zombieliteratur herausheben,  enthält aber alle Elemente, die man sich von einem guten Zombieroman wünscht.

Mir hat diese Mischung und insbesondere der Erzählstil ausgesprochen gut gefallen und auch, wenn ich in dieser Review 80% der Handlung und die eigentliche „Pointe“ der Geschichte wohlweislich verschwiegen habe, können neugierige Leser gerne auf mein Wort vertrauen, das die Handlung wirklich erstaunliche, schockierende, unerwartete Wendungen nimmt, die einen immer wieder vor den Kopf stoßen, wenn man gerade glaubt, sich in der neuen Welt zurechtgefunden zu haben. Ein außergewöhnliches Leseerlebnis, das ich Zombiefans wärmstens ans Herz legen möchte!

Meine BRAINZ:

Bewertung 4

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Eine Antwort to “The Words of Their Roaring (Roman)”

  1. Auch wenn ich nicht unbedingt Fan von allzu häufigen und verwirrenden Wechseln der Handlungsebene bin, werde ich auch diesen Schmöker mal ins Auge fassen – zumal mir das Setting durchaus zusagt.
    Und wie ich grad gesehen habe, ist das Ding nicht mal teuer bei Amazon und da gibt’s sogar ne Leseprobe – da werd ich doch mal reingucken.

    (Übrigens habe ich mir ausgehend von deiner Dead Sea-Rezension tatsächlich ein Buch von Keene gekauft, The Rising. Steck grad mittendrin und gefällt mir wirklich gut! oO)

    Und ganz nebenbei: Wieder mal eine ausgesprochen gelungene Rezension. Sehr ausführlich, aber trotzdem nicht öde – perfekt! 😉

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